Am 15.10.2019 startete ein parlamentarischer Arbeitskreis zum Thema Prostitution. Die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier (SPD) hat ihn initiiert, sie engagiert sich auch in der Organisation ‚Sisters‘ für das Verbot von Sexarbeit. Auch andere teilnehmende Politiker*innen der CDU/CSU und der SPD haben sich bereits positioniert: Sie wollen das „nordische Modell“ das sogenannte „Sexkaufverbot“ einführen.

Dagegen protestierten rund 170 Sexarbeiter*innen, solidarische Feminist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen.

Wir dokumentieren hier einen Redebeitrag von move e.V. für die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“

Für uns ist klar: Solche Bestrebungen sind antifeministisch

Das nordische oder schwedische Modell verbietet das Bezahlen von sexuellen Dienst­leistungen und jegliche Unterstützung von Sexarbeitenden, auch gegenseitige Unterstützung von Sexarbeiter*innen untereinander, zum Beispiel Schutzmaßnahmen. BefürworterInnen dieses Modells werden nicht müde zu beteuern, dass das Anbieten sexueller Dienst­leistungen ja straffrei bleiben würde, als Sexarbeiter*innen selbst nicht kriminalisiert würden.

Was für eine Mogelpackung: Kaufen und Verkaufen gehören zum gleichen Kreislauf. Wer den Kauf verbietet, entzieht Sexarbeiter*innen die Verdienstgrundlage, treibt sie in unsichere Arbeitssituationen und klassifiziert alle Sexarbeiterinnen per se als Opfer, unabhängig davon, wie sie ihre eigene Situation sehen. Ich muss den meisten von euch nicht erzählen, was das für Sexarbeiter*innen bedeutet. Es bedeutet Diskriminierung und Entrechtung. Erst vor kurzem haben Sexarbeiter*innen und Menschenrechtsaktivist*innen deshalb ihren Protest gegen das Schwedische Modell auf die Straße getragen.
An ihren Protest knüpfen wir heute an und senden damit gleichzeitig solidarische Grüße nach Schweden und in alle Länder, in denen Sexarbeiter*innen um ihre Rechte kämpfen müssen.

Wir wissen nicht, welchen Einfluss der heute gestartete Arbeitskreis auf die zukünftige Gesetzgebung haben wird, noch sind Befürworter*innen des sogenannten „Sexkaufverbot“ auch in der SPD eher eine Minderheit, aber die Gründung dieses Arbeitskreises ist so oder so eine bodenlose Frechheit, denn federführend sind die selben regierenden Parteien, die uns vor wenigen Jahren erst das ProstituiertenSchutzGesetz beschert haben. Auch dieses Gesetz hat mit Schutz nichts zu tun, sondern unter dem Deckmantel von Bemühungen Prostituierte zu schützen, werden sie gegängelt, kontrolliert und schikaniert.
Deshalb haben wir, die Kampagnengruppe der Kampagne Sexarbeit ist Arbeit. Respekt! dazu aufgerufen, solidarisch mit Sexarbeiter*innen gegen dieses Gesetzesvorhaben zu protestieren.

 

Ich möchte euch kurz unsere Kampagne Sexarbeit ist Arbeit. Respekt! vorstellen, denn diese Kampage richtet sich ausdrücklich gegen das ProstituiertenSchutzGesetz und alle anderen diskriminierenden Gesetze gegen Sexarbeiter*innen.

Wir sind ein Netzwerk von Sexarbeiter*innen, queer/feministischen Aktivist*innen und Sozialarbeiter*innen, die sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen einsetzen. Natürlich lassen sich diese Gruppen von Akteur*innen nicht trennscharf voneinander abgrenzen, denn schließlich gibt es genügend Aktivistinnen die Ex-Sozialarbeiterinnen sind und nun Sexarbeiterinnen, oder umgekehrt oder feministische Sexarbeiterinnen usw. Wir benennen diese unterschiedlichen Gruppen, weil wir damit deutlich machen wollen, dass es aus unterschiedlichsten Motiven gute Gründe gibt, sich gegen das ProstituiertenSchutzGesetz zu wenden.
Sozialarbeiter*innen zum Beispiel müssen sich damit auseinandersetzen, ob sie die sich parteilich an die Seite von Sexarbeiter*innen stellen, die sie beraten – Oder sich ohne Protest als Rädchen im Getriebe der staatlichen Kontroll- und Überwachungsmaschine einfügen.

Als Feministin, die die Kampagne Sexarbeit ist Arbeit. Respekt! mitgegründet hat, bin ich davon überzeugt, dass die gesellschaftliche Ausgrenzung von Sexarbeiter*innen uns alle angeht.

Denn es geht um das sexuelle Selbstbestimmungsrecht aller Frauen* und Männer*. Mit dem Stigma ‚Hure‘ bzw. Freier* zu sein, werden alle diskriminiert, die nicht in he­teronormative Moralvorstellungen von monogamer Kernfamilie passen.

Der Dualismus von Heilige und Hure ist ein Kernelement von geschlechtsspezifischer Sozialisation, mit dem alle Mädchen* und Frauen* in ihrem Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt werden. Mit der Drohung von sexualisierter Gewalt wächst jede Frau auf. Allen Mädchen und Frauen wird eingetrichtert, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, sich vor sexualisierter Gewalt zu schützen, indem sie sich nicht wie eine „Hure“ verhalten. Angebliche Feminist*innen, die zum Schutz vor Gewalt, Sexarbeit verbieten wollen, haben genau dieses patriarchale Motiv verinnerlicht und tragen genau damit zur Verschleierung von Gewalt gegen Frauen bei.
Diese angeblichen Feministinnen definieren pauschal Sexarbeiter*innen als Opfer und sprechen anderen Frauen damit die eigene Wahrnehmung ab. Das ist eine zutiefst patriarchale Strategie, um Frauen zu entmündigen. Was treibt sie an? Ist es der Wunsch sich selbst als Retterinnen zu inszenieren? Ist es das Bedürfnis, eine Ausdrucksform von Feminismus zu finden, mit der sie Lob und Ehre auch in CDU/CSU und noch rechteren Kreisen finden?

Für uns ist klar: Solche Bestrebungen sind antifeministisch:

Es sollte eine feministische Selbstverständlichkeit sein, Sexarbeiterinnen im Kampf um mehr Rechte und um Respekt zu unterstützen. Wir lassen uns nicht spalten in emanzipierte Frauen und sogenannte, von außen definierte Opfer. Sexismus und Patriarchat betrifft uns alle – wenn auch in unterschiedlicher Form.

An dieser Stelle eine Bemerkung zu Parallelen und Verschränkungen zu Rassismus:

Wie ihr wisst, sind die Bestrebungen, Sexarbeit zu kriminalisieren, auch ein Angriff auf das Freizügigkeitsrecht von Bürger*innen anderer EU-Staaten. Das Verbot von Prostitution würde ihnen eine Möglichkeit der legalen Erwerbstätigkeit nehmen. Das wäre kein zufälliger Nebeneffekt: Das Ausländerrecht ist voll von Gesetzen, die Migration einschränken und behindern, die mit dem Motiv „Schutz von Frauen“ begründet wurden. Und sie wurden und werden nicht zufällig oft von den selben Kreisen befördert: Einerseits befürworten sie mit der Zuschreibung dass patriarchale Gewalt von „Fremden“ anderen Kulturen ausgeht, ausländerrechtliche und asylrechtliche Verschärfungen und andererseits verorten sie mit denselben Zuschreibungen patriachale Gewalt im „fremden“ Prostitutionsmilieu.

Dem setzen wir unsere unteilbare Solidarität entgegen: Wer das Selbstbestimmungsrecht von Frauen* und LGBTQ einschränkt oder einschränken will, muss mit unserem Widerstand rechnen.

Ob gegen den § 218, ob gegen restriktives Aufenthaltsrecht oder diskriminierende Gesetze gegen Sexarbeiter*innen – als Feminst*innen und queere Aktivist*innen kämpfen wir für Selbstbestimmung.

Danke an euch alle, dass ihr dafür heute und immer wieder auf der Straße seid!

 

 

Do Lindenberg für die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“

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