Wir vermissen Matthias Vernaldi

You can´t allways get what you want
But if you try sometime
You´ll find
You get what you need
The Rolling Stones, 1969

 

YOU CAN´T ALLWAYS GET WHAT YOU WANT

 

Ein (etwas anderer) Nachruf
von Dr. Martin Theben
April 2020

 

Diesen alten Stones-Song krächzt er, begleitet auf der Gitarre von seinem Assistenten, und der Kontrast kann kaum größer sein. Da sitzt ein schmächtiger  Mann im Rollstuhl, kahles Haupt, brauner Spitzbart, unfähig, weite Teile seines Körpers zu bewegen, mit Atemmaske, kein Fetisch, wie er zuvor betont,  ein halbes Jahrhundert alt, der doch alles konnte – außer singen. Und das Publikum hängt an seinen Lippen. Das ist Matthias Vernaldi. Ein starker Geist in einem starken Körper.

Er tingelt kurz nach der Wende als Wahrsager mit Glaskugel über Feste und Mittelaltermärkte und spielt mit Klischees über Gaukler und Krüppel. Er läßt uns wissen, wie die Pflegeversicherung ihm sein Frühstück versaut, nur um dann gemeinsam mit anderen ein eigenes Abrechnungsmodell für persönliche Assistenz zu verhandeln, den noch heute wirksamen LK 32. Er gründet Sexibilities, berät, klärt auf, feiert, läßt im SO 36 strippen , und löst eine Art sexuelle Befreiung von Heiminsassen aus. Er steigt dem Finanzsenator buchstäblich mit einem Kran aufs Dach und erstreitet so Tariflöhne für Assistenten. Er rollt in den Puff und plötzlich hat der einen Whirlpool mit Hebekran für behinderte Gäste. Er zieht Gremien, Podien und Hörsäle durch geistreiche, spitze fast immer humorvoller Gesellschaftskritik in seinen Bann. Er stemmt und rockt mit Anderen die Pride-Parade. Er gebärt ein Mondkalb, das Presseorgan des organisierten Gebrechens und wird zum multimedialen Talent, der schreibt und Radio macht. Er lädt Freunde und Mitstreiter zu wahren Festgelagen in sein (!) Heim. Das ist Matthias Vernaldi. Ein behinderter, verrückter Genießer und solidarischer Freiheitskämpfer.

In diesem Buch verarbeitet er sein durch Anstalten und der Stasi gepeinigtes Leben in der DDR. Sie missbrauchen ihn als medizinisches Versuchsobjekt und die Stasi führt ihn als Operativen Vorgang PARASIT. Es ist ein Leben voller Brüche, das ihn aber niemals brechen kann. Und wie später im vereinigten (West)Berlin befreit er sich auch damals von Zwängen und gründet mit anderen, aus dem sozialistischen Kollektiv Ausgestoßenen, darunter seiner auch schon verstorbenen Schwester im thüringischen Hartroda eine sehr unkonventionelle Landkommune. Während gegen Ende der 70ziger in der Bundesrepublik über persönliche Assistenz in Ansätzen diskutiert wird, ist sie realexistierende Praxis auf einem alten Pfarrhof im Altenburger Land. Er schmuggelt in seinem Rollstuhl Westliteratur von hüben nach drüben. Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, eine gute Freundin, die erste Artikel über ihn in der Taz veröffentlicht, rühmt ihn im vergangenen Herbst in ihrer Festrede zum dreißigsten Jahrestag des neunten Oktobers in Leipzig und nennt ihn, anerkennend, einen Dissidenten. Das ist Matthias Vernaldi. Ein sehr mutiger Systemsprenger und Grenzgänger.

Dies alles ist Matthias Vernaldi. Ein kluger, humorvoller, lebenslustiger, geiler, charmanter, sinnenfreudiger, gerechtigkeitswahrender, kampfesmutiger sechzigjähriger Christ. You allways can´t get what you want. Matthias Vernaldi strafft sie alle lügen. Er verstirbt am 9. März 2020 – in seinen eigen vier Wänden!

Ein guter Freund ist gegangen und hinterlässt eine große Lücke. Mit ihm habe ich gelacht und Witze gemacht, von ihm habe ich gelernt und mit ihm eine Menge an Veranstaltungen durchgeführt.

Was immer inspirierend war. Z. B. die FachtagungenTrübe Sehnsüchte oder verwirklichte Rechte – Sexualität in Einrichtungen“ – im Roten Rathaus, oder: „Die Demokratisierung der Lust“ und zuletzt „Sex, Work & Disability“. Die Titel kamen von ihm. Ich wäre da zurückhaltender gewesen. Aber sie waren genau richtig und waren Programm. Mutig hat er mich und Dr. Theben, den Dritten in unserem Bund, angestachelt. Kein Risiko scheuten wir. Was wir uns in den Kopf gesetzt hatten, das zogen wir auch durch. Einmal mussten wir eine Fachtagung sogar verschieben. Da kränkelte er schon. Aber berappelte sich dann doch wieder.

Ohne ihn wären wir politisch beim Thema „Sexualität und Behinderung“ nicht so weit, wie wir es heute sind – wenn auch weit von dem noch entfernt, was er wollte und wofür wir gestritten und gekämpft und uns eingesetzt haben. Gleiche Rechte für alle! Auch bei der Sexualität. Vielleicht haben wir uns über ein Interview für die Zeitschrift „Mondkalb – Zeitschrift für das organisierte Gebrechen“ oder die Initiative „Sexybilities“ kennengelernt. Welche eine Leistung und welcher Erfolg! Da hat er wirklich am ganz großen Rad gedreht.

Er war da unkomplizierter. Aber er hat mich inspiriert, den Menschen zu sehen, neugierig auf ihn zu sein, ihn kennen zu lernen, um dann festzustellen, wie viele Parallelen es zwischen uns gibt und wie viele Unterschiede. Aber bei den Grundbedürfnissen, laut seiner Aussage: Essen, Ficken und Fernsehen, sind wir dann doch fast alle gleich.

Wir haben Champagner geschlürft und das beste Essen genossen, von einem kleinen feinen Dinner bei ihm zuhause bis hin zu einem voluminösen afrikanischem Festmahl. Er hat das Kochen geliebt, gab genaue Anweisungen für die Zutaten und Gewürze und schmeckte selbst akribisch ab. Ich saß lieber daneben, völlig erschöpft vom Einkauf und liebte die Gespräche, das emsige Miteinander und das Open End. Nicht zu vergessen die unzähligen Küchenlesungen. Neben spannenden Krimis stellte er auch seine Werke vor. Alles war natürlich ohne Speiß und Trank nicht denkbar.

der auf seine Überlegungen und Texten aufbaute und von denen sich die Filmemacher Alexa Karolinski und Ingo Niermann hatten inspirieren lassen. Wir tänzelten in Lack- und Lederkostümen um ein Schwimmbecken herum oder amüsierten uns nackt im Wasser mit anderen, individuellen, internationalen Freigeistern. Eine abgefahrene Geschichte, die ich allein nie mitgemacht hätte.
Aus der Ankündigung: „Romantic love is saturated with commoditization. The socialistic premise behind “free love” crumbles when desiring competition gets in the way, and in the age of hook-up apps, the possibility of free sex represents the liberalization, not the liberation, of love. ‚Army of Love‘ (2016) introduces a propositional regiment of soldiers diverse in age and appearance and tasked with solving the persistent social malaise of dire loneliness.“
Er scheute sich nicht seinen nackten Körper zur Schau zu stellen – wie alle anderen – (außer mir) und dabei zu philosophieren über Attraktivität und was das Leben ausmacht.

Lange hat er gegen die Arbeit als Sexualassistenten argumentiert, immer verlangt, dass jede Sexarbeiterin auch behinderte Kunden bedienen müsse. Die Bezeichnung „Sexualassistenz“ war ihm schon suspekt, weil es nach etwas `Besonderem` für Behinderte klang, nach Hilfe, nach Almosen, nach Therapie, nach: Behinderte sollten mit einer Sexualassistentin zufrieden sein und nicht die fantastische Auswahl an Sexarbeiter*innen und die Vielfalt an sexuellen Dienstleistungen in einem Bordell genießen.
Doch immer stand er an der Seite von uns Sexarbeiter*innen und hat seine Stimme erhoben und war sich auch nicht zu fein, die Rolle der Kunden zu verteidigen – und ist dafür vielfach – auch öffentlich – angegriffen worden. So z. B. in der Veranstaltung von Alice Schwarzer in der Urania, die ihm tatsächlich vorwarf, er müsse halt auf Sexualität verzichten, wenn er seine Hände zur Selbstbefriedigung nicht mehr einsetzen können. Das hat mir den Atem stocken lassen. So viel Menschenverachtung!
Er dagegen war immer empathisch, kein Schicksal, kein Ereignis, kein Leid und keine Freude waren ihm fremd. Und immer fand er den passenden theologischen Spruch oder eine philosophische oder geschichtliche Erklärung. Er hat in unzähligen Gremien gesessen, kannte Gott und die Welt und rollte auf jeder Demo mit. Immer mit einem passenden Plakat.

Und selbstverständlich war er – bei brüllender Hitze, die er so sehr liebte – bei dem Schwarmkunstprojekt „Strich / Code / Move“ der Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt!“ dabei mit seiner Präsenz, den Workshops und seinem grandiosen Auftritt bei der DASPU Modenschau, einem Sexworker` Modelabel aus Rio de Janeiro. Wenn ich mir das Bild heute betrachte, so glaube ich, dass er sich schon da auf den Weg gemacht hat in eine andere Welt mit seinen Flügeln und seinen Beinschonern. Sein Kostüm beschrieb er selbst: „An den Wangen trage ich zwei Federn einer Gelbstirnamazone (das ist ein südamerikanischer Papagei). Federn sind Kraftobjekte. Sie sind dem Flug verhaftet, der Änderungen der Perspektive, des Abhebens, der Sicht von oben. Leute, die Sterbeerfahrung gemacht haben, ohne dann daran tatsächlich zu sterben, berichten sehr häufig davon, dass sie ihren Körper von oben gesehen haben, aus der Vogelperspektive sozusagen. Der Schlauch des Atemgerätes ist eine Art Superkrawatte (mit Seidenstoff umwunden und Glitzer), der Bart ist gebunden und hat einen Frauentorso aus Glas am unteren Ende.“ Wie inhaltsstark ist das denn? Oder in die Räder des Rollstuhls waren zwei Schlangen geflochten, deren Kopf und Schwanz sich berührten. Ein uraltes Symbol für die Ewigkeit.Vorbereitung auf das Leben danach?

Auf jeden Fall war er immer dabei und hat es genossen. Er war ein Held!

Ich vermisse ihn sehr: Stephanie Klee, April 2020

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